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Die Erinnerung einer Stadt

Kleiner Einblick in das Hennefer Stadtarchiv

Bei Fragen über die Geschichte einer Stadt geht man am Besten in ihr Archiv. Die Stadt Hennef hat in der Mays-Fabrik einen solchen Ort, an denen die Erinnerungen der Stadt aufbewahrt werden. Zur Zeit beschäftigt es zwei Angestellte und drei Ehrenamtler:innen. Auch Gisela Rupprath, die das Stadtarchiv vorher 32 Jahre lang allein geführt hat, ist noch regelmäßig vor Ort, um mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen weiterzuhelfen. Von dem Foyer der Mays-Fabrik aus, das auch in die Stadtbibliothek führt, gelangt man durch einen engen Flur in die hellen Räume des Archivs. Statt in einem abgeschotteten Keller befindet man sich in einem Raum, in den durch Oberlichter der Tag hereinscheint. Die Dokumente verbergen sich in grauen Kompaktschränken, die auf Schienen hin- und herbewegt werden können.

„Sagen Sie, was lagern Sie hier eigentlich“, frage ich Jan Baucke, den Leiter des Archivs.

„Also“, antwortet dieser mit ruhiger Stimme, „als Stadtarchiv haben wir zwei große Aufgaben. Die erste davon ist, dass wir die Verwaltungsunterlagen der Stadt Hennef einlagern. Das sind diejenigen Dokumente, die in den Ämtern wie zum Beispiel dem Bauamt oder dem Sozialamt entstehen. Daneben lagern wir noch Nachlässe von Privatleuten und Vereinen aus der Stadt, außerdem eine Fotosammlung von ungefähr 100.000 Bildern, Plakate und Karten.“

Auch Baucke selbst kommt ursprünglich aus Hennef, hat dann Geschichte studiert und ist nun wieder zurückgekehrt. Er meint, dass er nun das Stadtarchiv leiten dürfe, das sei für ihn wie ein Sechser im Lotto. Auch für das Archiv und die darin anfallende Arbeit ist seine lokale Herkunft vom Vorteil. Die Tatsache, dass er sich in den Dörfern auskennt und ebenfalls Beziehung zu den Vereinen hat, macht die Beschaffung von Nachlässen und Vereinsdokumenten für ihn einfacher. Im Gegenteil zu der Stadt Hennef, die dazu verpflichtet ist, dem Archiv ihre Unterlagen abzuliefern, muss man bei Privatleuten auf deren eigene Motivation setzen. Aber sie kommen; meistens mit einem Bündel Bildern, Notiz- und Tagebüchern, dem Nachlass der Großeltern.

„So etwas könnte aber noch häufiger vorkommen“, wünscht sich Baucke, „denn solche privaten Dokumente sagen manchmal viel mehr aus als so eine städtische Akte. Sie zeigen, wie es gerade auf den vielen Dörfern in Hennef wirklich gewesen ist. In den städtischen Akten steht ja eher, wie es gewesen sein sollte.“

„Und wenn eine Person kommt“, frage ich ihn, „nehmen Sie dann alles, was diese bringt?“

„Man könnte schon sagen“, antwortet Baucke, „dass uns erst einmal alles interessiert, es gibt da keine Grenzen. Aber wir setzen uns dann natürlich zusammen und überlegen, was relevant ist. Wenn wir jetzt zehn Bilder von einer Familie an der Kaffeetafel bekommen, da würden wir wohl eher nur eins von nehmen. Dann kann gesehen werden, wie eine festliche Kaffeetafel zum Beispiel in den 20er-Jahren aussah, das ist schon spannend. Aber so ein Bild brauchen wir natürlich nicht in den verschiedensten Winkeln und Ansichten. Das gleiche gilt übrigens auch für die städtischen Akten. Auch dort schauen wir, was könnte wirklich gebraucht werden. Man darf nicht vergessen, dass wir das alles auch bearbeiten müssen. Es nützt nichts, wenn die Dokumente hier einfach im Regal rumliegen.“

An großen Tischen mit Computern und einer Zimmerpflanze wird der archivarischen Arbeit nachgegangen. Das heißt zum großen Teil auch Ordnung schaffen. Woher kommt das Dokument? Aus welcher Zeit stammt es? Wo ist es im Archiv eingelagert? Solche Informationen müssen aufgeschrieben und in einem digitalen Katalog gespeichert werden. Nur so können die Dokumente später wiedergefunden werden, zumindest von den Mitarbeiter:innen. Wenn Personen von außen kommen, meint Baucke, wenn man die einfach an den Rechner zum Recherchieren setzen würde, das wäre wohl nicht so einfach.

„Und bei dieser unüberschaubaren Menge an Dingen“, frage ich ihn, „kommt es da vor, dass mal etwas verschwindet?“

„Naja“, antwortet Baucke nach kurzem Überlegen, „eigentlich nicht. Aber wir haben neulich drüben zwischen den Regalen aufgeräumt und sind da über eine Kiste gestolpert, darauf stand nur Nachlass Robert Link, ein verstorbener Heimatforscher und Sammler. Wir haben die aufgemacht und da waren zwei Urkunden aus der Frühneuzeit drin, ganz wunderbare Dokumente, die man nicht alle Tage findet. Meine Vorgängerin hatte es aus Zeitgründen nicht mehr geschafft, sich die Urkunden genauer anzusehen. Da die mittelalterliche Schrift nicht so leicht zu lesen ist, haben wir eine Expertin für solche Urkunden zu Rate gezogen, die uns eine Transkriptionen angefertigt hat. Es stellte sich dann heraus, dass die Urkunden leider überhaupt nichts mit Hennef zu tun hatten, es bleibt etwas unklar, wieso Herr Link sie gesammelt hat und wo er sie her hatte.“

„Eine letzte Frage noch“, sage ich. „Bei all dem Material hier, haben Sie da so etwas wie Lieblingsstücke?“

„Ja, ich kann es gleich mal rausholen“, antwortet Baucke, „die Urkataster-Karten sind eine sehr feine Sache. Da hat man 1826 angefangen, einzelne Parzellen zu vermessen und Katasterkarten zu erstellen. Damit wusste man dann exakt, wer wie viele Grundsteuern zu bezahlen hat. Davor war alles viel beliebiger. Man ist mit irgendwem über das Feld gegangen und der hat dann gesagt, du bezahlst jetzt so und so viel.“

Dann verschwindet Baucke kurz in einem anderen Raum und kommt mit einer riesigen blauen Mappe wieder zurück. Er öffnet sie und wir schauen auf eine ebenso riesige Karte, in deren Mitte Happerschoss steht. Man erkennt die einzelnen Parzellen. Es sind durch feine Linien voneinander abgegrenzte Flächen, in denen Nummern stehen. Die damaligen Gebäude sind verschieden große Vierecke. Wir schauen also auf die erste festgehaltene Vermessung von Happerschoss.

Es ist solches Material, das auch seinen Weg in die Buchreihe Beiträge zur Geschichte der Stadt Hennef findet. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Hennef veröffentlicht seit 2007 jedes Jahr einen Band mit Beiträgen über die Geschichte der Hennefer Ortsteile sowie über die industrielle und kulturelle Entwicklung der Stadt. Ohne das Stadtarchiv mit seinen historischen Quellen wäre ein solches Buch wohl kaum zu denken.

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